Rudi Bindella: «Unsere Gäste sollen Lebensfreude empfinden»

Interview. Kunst ist bei Bindella Chefsache. Vater und Sohn sind sich einig: Ein Bild gehört an die Wand und nicht in den Tresor. Ein Gespräch mit zwei besessenen Sammlern.

Rudi Bindella: «Unsere Gäste sollen Lebensfreude empfinden»

Rudi Bindella, Sie sagen, keiner hänge Bilder so gut wie Sie.
RB: Das stimmt für meine kleine Welt, ich mache das leidenschaftlich gerne. In der grossen Welt gilt das natürlich nicht. Ich hoffe jeder, der Bilder hängt, findet, er hänge sie am schönsten.

Dann stimmt es, dass Kunst bei Bindella Chefsache ist?
RB: Vielleicht ist es so: Je wichtiger das Detail, desto weniger kann man die Aufgabe delegieren.

War Kunst schon immer Teil Ihres Lebens?
RB: Ja, bei uns zu Hause war Kunst immer selbstverständlich. Dank meines Deutschprofessors an der Mittelschule begann ich, Literatur zu lesen und mich mit der darstellenden Kunst zu befassen. Eines ist mir wichtig: die Werke mit unseren Gästen und Mitarbeitenden zu teilen. Stellen Sie sich vor, Sie sind hundertfacher Millionär, kaufen die teuersten Bilder und schliessen sie dann in der Bank ein. Wer hat dann etwas davon?

Rudi Bindella jr., Sie sind zwischen Kunst gross geworden. Teilen Sie diese Leidenschaft?
RBj.: Voll und ganz. Ich fand Kunst immer faszinierend. Zuerst unter dem handwerklichen Aspekt, später dann aus ästhetischer Sicht. Ich half meinem Vater schon in jungen Jahren, die Bilder zu hängen. Am Anfang war ich derjenige, der den Hammer halten durfte, den Meter bringen. Heute hängen wir fast alle Werke zusammen.
RB: Wir sind geschmacklich weitgehend übereinstimmend. Rudi hat die Liebe zur Kunst als Talent mitbekommen. Unsere Sammlung ist ein Gemeinschaftswerk.

Rudi Bindella, Sie sprechen immer wieder von «Räume beseelen».
RB: Gut kochen ist heute fast eine Bedingung, der Mensch jedoch macht den Unterschied. Liebenswürdige Gastgeber, die Herzlichkeit vermitteln, dafür sorgen, dass der Gast sich wohlfühlt, sein Gemüt berühren … Je digitaler, oberflächlicher und schnelllebiger die ganze Welt wird, desto wichtiger ist diese Beseelung. Kunst hat dabei eine stille, wohltuende Kraft.
RBj: Wir suchen a priori nach schönen Räumen in anmutigen Gebäuden. Denn es sind nicht nur die Bilder, es sind die kleinen, feinen Details. Klar können auch andere Gastronomen Geld für Kunst aufwenden. Aber man merkt schnell, ob etwas echt ist.
RB: Ist es ein Nussbaum, der über Jahrzehnte gewachsen ist, oder ein Weichholz, das rasch aufschiesst? Wir tragen Kunst seit 40 Jahren in unsere Betriebe.

Sie sammeln ausschliesslich zeitgenössisch. Warum?
RB: Wir sind der Meinung, dass Albert Anker nichts mehr davon hat, wenn seine Bilder heute vier Millionen Franken erlösen – er hätte dazumal Miete und Kopfsalat zahlen müssen. Der inzwischen verstorbene Rolf Brem sagte mir mal, er habe erst mit 60 von seiner Kunst leben können. Ganz selten mache ich Ausnahmen bei den Zeitgenossen: Hermann Hesse etwa sammelte ich bereits als 16-jähriger Student.
RBj: Wir wollen eine Kunst, die – wie wir – heute lebt. Wir kennen jeden Künstler persönlich, besuchen ihn im Atelier, essen gemeinsam, reisen.
RB: Hanny Fries, Johnny Potthof, Alex Schmid: Wir sind vielen Künstlern sehr nahe gekommen. Rolf Brem war fast ein Familienmitglied.

Ist Kunst für Sie ein Geschäft?
RB: Hermann Hesse oder Cuno Amiet, die wir schon sehr lange sammeln, werden eine gute Anlage sein. Meistens jedoch geraten Künstler nach ihrem Tod in Vergessenheit. Ich besitze Werke, die sind heute vielleicht noch einen Fünftel wert. Die Anlage, die wir betreiben, ist unsere Unternehmung. Kunst ist ein Element unseres Erscheinungsbildes, so wie die Berkel-Aufschnittmaschinen in jedem unserer Ristoranti. Steuertechnisch dürfen wir die Werke bis auf die Hälfte abschreiben, wir zahlen pro Jahr etwa
15.000 Franken an den Staat.

Warum also der Aufwand?
RBj: Kunst hat eine unglaubliche Kraft, kann Räume beseelen, begeistern, aufheitern.
RB: Unsere Gäste sollen Lebensfreude empfinden. Wir können nicht «la vita è bella» sagen und schwarz-weisse Bilder hängen. Darum unsere heiteren Motive. Plakativ gesagt: Wer provoziert werden möchte, soll ins Kino gehen oder die Nachrichten hören.

Vater und Sohn hängen fast alle Werke zusammen – und immer höchstpersönlich.
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